Die Schmilingerin

15. Mai 2026 - Mila

Wie ich in die positive Bubble kam

Man muss dem Hund ja schließlich irgendwie Grenzen setzen, nicht wahr? Das wilde Tier bezwingen. Nun, unser wildes Tier hatte darauf so gar keine Lust.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der meine Menschen dachten, sie müssten mich „in den Griff bekommen“, was schon für sich genommen ein interessanter Ausdruck ist. Als wäre ich ein loses Regalbrett, ein schlecht sortierter Werkzeugkasten oder ein Staubsaugerroboter mit eigener Meinung.

Dabei war ich einfach nur ich: jung, neugierig, reizoffen, voller Energie und mit einem ziemlich klaren inneren Kompass. Wenn etwas spannend ist, schaue ich hin. Wenn etwas komisch ist, melde ich Zweifel an. Und wenn meine Menschen etwas von mir wollen, prüfe ich erst einmal, ob diese Anfrage aus meiner Sicht überhaupt Sinn ergibt.

Spoiler: Das war nicht immer der Fall.

Am Anfang war der Plan

Meine Menschen hatten natürlich einen Plan, wie Menschen eben Pläne haben, wenn sie unsicher sind und sich gleichzeitig vorgenommen haben, alles richtig zu machen. Man liest ja Dinge, man hört Dinge, man bekommt ungefragt Ratschläge von Menschen, die einmal einen Labrador getroffen haben und seitdem als Kompetenzzentrum auftreten.

„Der Hund muss klare Grenzen kennen.“ „Du musst dich durchsetzen.“ „Sonst tanzt sie euch auf der Nase herum.“ „Die testet euch.“

Ich möchte an dieser Stelle festhalten: Ich habe niemanden getestet. Ich habe beobachtet, abgewogen und gelegentlich eigene Entscheidungen getroffen, die aus meiner Sicht oft deutlich nachvollziehbarer waren als das, was meine Menschen gerade von mir wollten. Das ist ein Unterschied.

Wir waren damals sogar zuerst in einem Training, das sich positiv nannte, und richtiges Verhalten wurde dort tatsächlich belohnt. So weit, so nett. Nur dauerte es nicht lange, bis andere Sätze fielen: „Ihr seid zu nett zum Hund“, „da müsst ihr klarer werden“, „die muss merken, dass ihr das ernst meint“. Und plötzlich waren da Leinenrucke, Blocken und sehr viele „Neins“, also dieses ganze Programm, das schnell auftaucht, wenn Freundlichkeit angeblich nicht reicht.

Ich hatte darauf allerdings überhaupt keine Lust. Manchmal habe ich diese Maßregelungsversuche einfach ignoriert, nicht aus böser Absicht, sondern weil sie für mich nicht wirklich Sinn ergaben. Und wenn sie bei mir ankamen, machten sie die Situation meistens nicht besser, sondern größer, enger und anstrengender.

Ich wurde gestresst, unsicher und teilweise richtig panisch. Meine Menschen sahen irgendwann, dass da kein Hund vor ihnen stand, der einfach nur „keinen Bock“ hatte, sondern einer, der mit der Situation nicht mehr gut zurechtkam.

Das große Finale war dann ein sogenannter Social Walk: zehn Menschen, zehn Hunde, Gänsemarsch, alle irgendwie bemüht, alle irgendwie angespannt, und ich mittendrin. Für mich war das keine entspannte Übung, sondern ein kompletter Systemabsturz auf vier Beinen.

Ich kotzte vor Stress.

Und da war dann Schluss mit lustig.

Meine Menschen konnten sich vieles erklären. Dass es vielleicht Übung brauche, dass es beim nächsten Mal besser werde, dass andere ja auch sagten, man müsse da jetzt durch. Aber an diesem Punkt war klar: So geht es nicht weiter.

Ein anderer Weg musste her.

Die Sache mit den Grenzen

Natürlich brauche auch ich Orientierung, Struktur und Verlässlichkeit. Menschen, die nicht jeden Tag eine neue Bedienungsanleitung ausprobieren und dann enttäuscht sind, wenn ich sie nicht sofort verstanden habe.

Was ich weniger hilfreich fand, war dieses Bedürfnis, alles sofort kontrollieren zu wollen. Sitz hier, bleib da, geh weiter, komm zurück, nicht ziehen, nicht gucken, nicht schnüffeln, nicht bellen, nicht fühlen, nicht Hund sein, aber dabei bitte weiterhin niedlich aussehen. Schwierig.

Zumal meine Menschen in dieser Zeit selbst oft nicht genau wussten, was sie eigentlich von mir wollten. Mal sollte ich ruhig bleiben, mal schnell reagieren, mal Abstand halten, mal mich zusammenreißen, und für mich war das alles ziemlich schwer zu sortieren. Wenn Menschen innerlich unsicher sind, merkt ein Hund das, auch dann, wenn außen herum möglichst souverän getan wird.

Ich habe das gemerkt. Natürlich habe ich das gemerkt.

Dann änderte sich etwas

Irgendwann passierte etwas Interessantes: Meine Menschen stellten andere Fragen. Nicht mehr nur: „Wie kriegen wir das weg?“, sondern eher: „Warum macht sie das?“, „Was braucht sie gerade?“, „Was können wir verändern?“, „Wie können wir ihr helfen, statt gegen sie zu arbeiten?“

Ich war beeindruckt. Nicht sichtbar natürlich, man muss Erwartungen managen, aber innerlich dachte ich: Endlich. Sie nähern sich dem Thema.

Die sogenannte positive Bubble klang für manche vielleicht nach Watte, Leckerli und grenzenlosem Chaos, nach Hunden, die Steuererklärungen ignorieren und auf Konferenztischen schlafen. So war es aber nicht.

Es ging nicht darum, dass ich plötzlich alles durfte, sondern darum, dass meine Menschen anfingen zu verstehen, dass Verhalten nicht einfach aus dem Nichts kommt. Dass Druck nicht automatisch Sicherheit schafft. Und dass ein Hund manchmal nicht absichtlich schwierig ist, sondern gerade einfach nicht anders kann.

Manchmal ist zu viel los. Manchmal ist etwas unheimlich. Manchmal ist der Kopf voll, der Körper auf Alarm oder der Laubhaufen links schlicht wichtiger als alles, was der Mensch gerade sagt. Auch das kommt vor.

Plötzlich wurde es leiser

Mit der Zeit veränderte sich unser Alltag. Nicht perfekt, bitte keine falschen Erwartungen; meine Menschen sind weiterhin Menschen, sie stellen Dinge ungünstig ab, laufen manchmal zu langsam und unterschätzen regelmäßig die Bedeutung strategisch gewählter Liegeplätze. Aber es wurde leiser, nicht nur draußen, sondern auch zwischen uns.

Es gab weniger Machtkämpfe um Kleinigkeiten, weniger dieses angestrengte „Jetzt muss sie aber“, weniger Drama an Stellen, an denen eigentlich nur jemand hätte genauer hinschauen müssen. Dafür gab es mehr Pausen, mehr Abstand, wenn ich Abstand brauchte, mehr Humor und mehr Verständnis dafür, dass ich kein Projekt bin, das optimiert werden muss.

Ich bin Schmili.

Das reicht als Aufgabenbeschreibung eigentlich völlig aus.

Was sich wirklich verändert hat

Meine Menschen lernten, dass positive Begleitung nicht bedeutet, alles schönzureden. Es heißt nicht, dass jedes Verhalten großartig ist, dass es keine Grenzen mehr gibt oder dass ich ab sofort die Hausordnung schreibe. Es heißt eher, Grenzen so zu setzen, dass ich sie verstehen kann: freundlich, klar und wiederholbar, ohne jedes Mal ein kleines Gerichtsverfahren daraus zu machen.

Und tatsächlich konnte ich besser zuhören, als der Druck weniger wurde. Nicht immer sofort und nicht immer mit Begeisterung, aber öfter, weil ich mehr Sicherheit hatte, weil meine Menschen berechenbarer wurden und weil ich nicht mehr ständig damit beschäftigt war, mit Stress umzugehen.

Man unterschätzt, wie viel einfacher Hunde sind, wenn Menschen weniger kompliziert werden.

Die Bubble ist gar keine Bubble

Heute sagen meine Menschen manchmal, sie seien „in der positiven Bubble gelandet“, und ich finde das etwas unfair, weil eine Bubble nach Realitätsflucht klingt. Nach rosafarbenem Nebel und Menschen, die ihrem Hund auf Augenhöhe erklären, warum der DHL-Bote auch Gefühle hat.

Dabei ist es eigentlich ziemlich realistisch, anzuerkennen, dass Verhalten Ursachen hat. Es ist erwachsen, nicht aus jeder Situation sofort eine Machtfrage zu machen, und es ist erstaunlich praktisch, mit einem Hund zusammenzuarbeiten, statt ihn ständig korrigieren zu wollen.

Aber gut. Menschen brauchen Begriffe. Ich lasse ihnen das.

Mein Fazit

Ich wurde nicht weich erzogen und auch nicht verzogen, sondern begleitet, mal besser, mal schlechter, mit Lernkurve auf beiden Seiten. Meine war naturgemäß eleganter.

Die positive Bubble hat aus mir keinen anderen Hund gemacht. Sie hat meinen Menschen geholfen, mich besser zu sehen.

Und vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht jeder Hund braucht härtere Grenzen. Manche brauchen Menschen, die genauer hinschauen. Und manche Menschen brauchen einen Hund, der sie lange genug anstarrt, bis sie es endlich verstehen.

Ich habe meinen Teil getan. Wie immer.

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